Trendartikel zum Jahreswechsel haben ein Problem: Sie listen zehn Entwicklungen auf, und ein Jahr später erinnert sich niemand, welche davon eingetreten sind. Dieser Beitrag versucht etwas anderes. Er beschreibt vier Verschiebungen, die bereits sichtbar sind, und für jede die Frage, die L&D-Teams sich 2027 stellen sollten.
Produktion wird billig, Steuerung wird teuer
Die größte Veränderung ist zugleich die am wenigsten diskutierte. Mit KI-gestützter Produktion sinkt der Aufwand je Trainingsstunde typischerweise um bis zu 80 Prozent. Wenn ein Training in Stunden statt Wochen entsteht, ist die Erstellung nicht mehr der Engpass.
Der Engpass wandert. Wer entscheidet, welche Trainings es geben soll? Wer prüft, ob sie fachlich stimmen? Wer hält sie aktuell? Und wer sorgt dafür, dass bei hundert neuen Trainings nicht hundert verschiedene Qualitätsstandards entstehen? Diese Aufgaben waren früher ein Nebeneffekt der Produktion. 2027 werden sie zur Hauptaufgabe.
Die Frage für 2027: Welche Freigabe- und Qualitätsregeln gelten, wenn Fachbereiche Trainings selbst erstellen?
Erfahrungswissen wird zur knappsten Ressource
Bis 2036 fehlen in Deutschland etwa 4,3 Millionen Arbeitskräfte, weil jährlich rund 1,3 Millionen Menschen in Rente gehen und nur etwa 800.000 nachkommen (IW Köln, 2026). Für L&D bedeutet das eine Verschiebung der Quellen. Trainings entstehen immer seltener aus Lehrbüchern und Handbüchern, sondern aus dem, was erfahrene Kolleg:innen wissen und bald nicht mehr erzählen können.
Damit rücken Wissenssicherung und Trainingserstellung zusammen. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt der Beitrag zur Altersteilzeit.
Regulierung verlangt Tempo und Nachweis
NIS-2 ist seit dem 6. Dezember 2025 in Kraft, die KI-Kompetenzpflicht nach Artikel 4 des EU AI Act gilt seit Februar 2025. Beides erhöht den Druck, Schulungen schnell anzupassen und jeden Abschluss sauber zu dokumentieren. Was das für L&D konkret bedeutet, steht im Beitrag zu NIS-2 und EU AI Act.
Gleichzeitig ist die Infrastruktur vielerorts dünn. 52 Prozent der Unternehmen im DACH-Raum haben keine digitale Lernplattform, obwohl 70 Prozent digitale Themen für relevant halten (Masterplan / Amadeus Fire, 2025).
Wirkung wird gefragt, nicht Teilnahme
Wenn Trainings billig werden, steigt die Erwartung an ihre Wirkung. Teilnehmerzahlen und Abschlussquoten reichen als Erfolgsnachweis immer weniger, vor allem gegenüber einer Geschäftsführung, die gleichzeitig sieht, dass 95 Prozent der KI-Piloten keinen messbaren ROI zeigen (MIT NANDA, 2025). L&D wird zeigen müssen, was sich im Betrieb verändert. Wie das ohne großes Evaluationsprojekt geht, beschreibt der Beitrag Lernerfolg messen.
Was wir nicht wissen
Eine Verschiebung lassen wir bewusst offen: wie Lernende selbst mit KI umgehen werden. Ob Mitarbeitende 2027 lieber ein kurzes Video sehen, einen KI-Chat fragen oder beides kombinieren, lässt sich heute nicht seriös vorhersagen. Wer behauptet, es zu wissen, verkauft meist das passende Produkt.
Was sich sagen lässt: Die Teams, die 2027 gut aufgestellt sind, haben ihre Rolle verschoben, vom Produzenten zum Steuerer. Warum ein Flickenteppich aus Einzelwerkzeugen dafür eine schlechte Grundlage ist, beschreibt der Beitrag zu Best of Breed im L&D-Stack.




