Wer sich ein paar Wochen mit E-Learning beschäftigt, hört den Satz früher oder später: SCORM ist veraltet, xAPI ist die Zukunft. Er fällt auf Konferenzen, in Anbieterpräsentationen und in Ausschreibungen, in denen xAPI plötzlich als Pflichtkriterium auftaucht. Der Satz ist halb richtig, und gerade deshalb führt er zu teuren Entscheidungen.
Was SCORM eigentlich macht
SCORM ist kein Dateiformat für Videos oder Folien. Es ist eine Vereinbarung darüber, wie ein Lernpaket mit einem Lernmanagementsystem spricht. Das Paket wird hochgeladen, das LMS startet es, und während der Bearbeitung meldet das Paket zurück, ob jemand angefangen, abgeschlossen oder bestanden hat, mit welcher Punktzahl und wie lange es gedauert hat. Mehr nicht.
In der Praxis begegnen Ihnen zwei Versionen. SCORM 1.2 ist die ältere und bis heute am breitesten unterstützte. SCORM 2004 kann mehr, etwa Reihenfolgen und Verzweigungen innerhalb eines Kurses steuern, wird aber von manchen Systemen nur lückenhaft umgesetzt. Wer unsicher ist, exportiert in 1.2 und hat damit bei den meisten LMS seine Ruhe.
Warum der Ruf so schlecht ist
Die Kritik an SCORM ist nicht erfunden. Der Standard stammt aus einer Zeit, in der Lernen am Schreibtisch im Browser stattfand. Er misst, was im Paket passiert, und sonst nichts. Ein Gespräch mit der Teamleitung, eine Simulation in einer separaten Anwendung, ein kurzes Video auf dem Smartphone in der Werkshalle: All das sieht SCORM nicht.
Dazu kommen technische Eigenheiten, über die L&D-Teams seit Jahren fluchen. Pakete, die in einem LMS laufen und im anderen nicht. Abschlüsse, die nicht übertragen werden, weil das Browserfenster zu früh geschlossen wurde. Wer das ein paar Mal erlebt hat, versteht den Wunsch nach etwas Neuem.
Was xAPI besser kann, und was es kostet
xAPI löst genau das Messproblem. Lernaktivitäten werden als kleine Aussagen gespeichert, nach dem Muster „Person hat etwas getan“, und zwar unabhängig davon, wo das Lernen stattfand. Gespeichert werden diese Aussagen in einem Learning Record Store, kurz LRS.
Genau hier liegt der Haken. Ein LRS ist ein zusätzliches System, das betrieben, angebunden und ausgewertet werden muss. Viele LMS bringen inzwischen einen mit, aber nicht alle, und selbst dann braucht es jemanden, der definiert, welche Aussagen überhaupt erfasst werden sollen und was mit den Daten passiert. Ohne diese Arbeit erzeugt xAPI vor allem Daten, die niemand liest. Und der Betriebsrat wird bei einer Erfassung, die über das LMS hinausgeht, zu Recht genauer hinsehen.
Für den Start aus einem LMS heraus gibt es mit cmi5 außerdem ein xAPI-Profil, das die Vorteile beider Welten verbinden soll. Es wird von immer mehr Systemen unterstützt, ist aber noch nicht so verbreitet, dass man sich blind darauf verlassen kann.
Was stattdessen gilt
Die Frage ist nicht, welcher Standard moderner ist. Die Frage ist, was Sie messen müssen.
- Pflichtschulungen mit Nachweispflicht, bei denen Abschluss und Datum zählen: SCORM reicht und ist die robustere Wahl.
- Lernen über mehrere Orte und Anwendungen hinweg, das Sie zusammenhängend auswerten wollen: Dann lohnt xAPI, mit einem klaren Plan für den LRS.
Für die meisten Unternehmen bedeutet das: Inhalte sollten sich als SCORM exportieren lassen, weil das LMS es heute verlangt. Wer zusätzlich xAPI braucht, sollte das aus einem konkreten Auswertungsziel ableiten und nicht aus einer Ausschreibungsvorlage.
Wichtiger als der Standard ist ohnehin, wie schnell sich Inhalte ändern lassen. Ein SCORM-Paket, das bei jeder kleinen Korrektur neu produziert und hochgeladen werden muss, kostet mehr Zeit als jede Standardfrage. Mit KI-gestützter Produktion sinkt der Aufwand je Trainingsstunde typischerweise um bis zu 80 Prozent, und Korrekturen werden zur Sache von Minuten. Was eine Trainingsstunde auf klassischem Weg kostet, steht im Beitrag Wie viel kostet ein Schulungsvideo?, wie die Produktion ohne zusätzliches Personal wächst, im Beitrag zur Skalierung der Trainingserstellung.
Falls in Ihrer nächsten Ausschreibung xAPI als Pflicht steht: Fragen Sie, wer im Haus die Daten auswerten wird. Wenn niemand die Hand hebt, ist die Antwort klar.




